Sind Rituale negative Ersatzhandlungen?
Rituale sind Teil unseres Lebens. Sie werden allgemein als streng regulierte Handlungen in einem bestimmten Handlungsrahmen betrachtet. Aber Rituale sind nicht immer positiv. Was spricht gegen Rituale? Platt dahingesagt, Rituale sind überholt, sie sind abgegriffen, sinnentleert und kontraproduktiv.
Rituale dienen „Eingeweihten“ dazu die „Anderen“ auszugrenzen oder, noch schlimmer, um sie zu dominieren. Dieses Handeln spiegelt nicht unsere gegenwärtige Gesellschaft und das, was wir als wünschenswert für unsere Gesellschaft betrachten. Das heißt, Rituale sind nicht mit unserem Zeitgeist vereinbar.
Wenn wir von Ritualen sprechen, dann kommen uns Bilder von elitären, geheimnisvollen Gemeinschaften, Kulten, Geheimlehren oder auch längst vergangene Kulturen in den Sinn, die Menschen opfern und andere Grausamkeiten im Namen eines Gottes begehen oder Kultes rituell handeln. Es ist aus heutiger Sicht unvernünftig, unzeitgemäß und sinnlos Geister, Götter oder Tote anzurufen und zu beschwören.
Rituale sind oft im Bereich der Religion verankert und sollen in diesem Zusammenhang Zusammenhalt fördern. Je stärker die Rituale sind, desto langlebiger ist eine religiöse Gemeinschaft. Regeln und Rituale haben also Aspekte, die dem Menschen gefallen. Was finden Menschen in restriktiven Ritualen? Klare Regeln und Verhaltensregeln erleichtern das Leben, man kann sich aus der Verantwortung ziehen und diese dem Kult auflasten.
Mit Ritualen setzen sich auch die Sozialwissenschaften auseinander. Jede Wissenschaft hat einen anderen Blick auf Rituale, die Ethnologen, die Pädagogen, die Politikwissenschaftler, die Psychologen und die Soziologen betrachten Rituale in der Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven. Machtverhältnisse, Unterwerfungs- oder Kampfrituale sind Beispiele, eine besondere Rolle fällt jedoch dem Personenkult und speziell dem Jugendkult zu. Aber auch Rituale, die dem Jugendkult dienen, werden selten positiv bewertet.
Rituale werden heute, aus medizinischer Sicht betrachtet, vornehmlich als Zwangshandlungen bezeichnet, die im Kontext mit Zwangsstörungen auftreten. Das heißt, die Betroffenen handeln in bestimmter abnormaler Weise und vor allem gegen den eigenen Willen. Der Handelnde wird in diesem Zusammenhang als krank und behandlungsbedürftig wahrgenommen.
Paradox ist, dass Ritualisierungen eine stark ordnende und somit strukturierende Rolle spielen. Rituale und symbolische Handlungen unterstützen somit den Therapieerfolg. Auch in Schulen wird wieder vermehrt auf Rituale gesetzt, um den Unterricht zu strukturieren und so lebendiger zu gestalten. Rituale geben somit Anfang und Ende des Unterrichtes an.
Ein Ritual ist und bleibt eine Ersatzhandlung und die eigentlich notwendige Handlung fehlt. Das ist das Hauptproblem des Rituals, es ist nicht echt, es ist nur ein Ersatz. Beim Ritual wird der Eindruck erweckt, dass etwas geschieht, obwohl die zugrunde liegenden Probleme in Wirklichkeit ungelöst bleiben.
Entscheiden Sie für sich, ob sie Rituale benötigen. Rituale haben ihre Berechtigung, wenn sie bewusst und kritisch angewandt werden.








